Peter Post: Suite für Bluesband und Wahrsager op. 1 „Fragen“
Erster Teil des Zyklus‘ Ich bin nicht da / Ich bin da – der Sportplatz
Vollständiger Text – по-ру́сски  – en françaisin english

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Truth is an arrow and the gate is narrow that it passes through
Bob Dylan, When He Returns

PeterPost Fragen op. 1

1. Darlegung – der Brief

[0:00] 3:34

Darf ich darüber nachdenken, daß es mir besser geht? Darf ich irgendwie eine Veränderung zum Besseren hin ansteuern? (Völlig außerhalb der Reihe!)

Falls ja (völlig außerhalb der Reihe!): Warum tue ich es nicht? (Ich darf das doch normalerweise alles gar nicht denken!)

Dieser Streß, den ich andauernd spüre, der mich in die Hektik treibt und der wohl auch für meinen problematischen Magen verantwortlich ist – diesen Streß, darf ich den loswerden? [Darf ich irgendwie motiviert sein, den loszuwerden?] (Woher nimmst du das Recht, so überheblich zu sein?!)

Wenn ich darüber nachdenke, daß mein Magen möglicherweise tatsächlich einen Tumor hat und daß dieser Tumor (…und so arrogant zu sein?!) meinen baldigen Tod bedeuten kann, darf ich dann, angesichts dieser Perspektive, die Fragen stellen, ob ich nicht einfach von diesem hektischen Verhalten wegkommen sollte? (Wie kannst du es dir erlauben?)

Davon wegzukommen, würde bedeuten, mein Verhalten zu ändern (Woher nimmst du die Frechheit?!): ich wäre dann einfach nicht mehr so hektisch und würde mir nicht mehr alles, was ich für mich selber unternehme, nur erstehlen. Darf ich dieses Verhalten für mich in Erwägung ziehen?

Muß ich tatsächlich alles hinnehmen? Muß ich mich auf die Schlachtbank begeben?

Falls ja: warum? Wieso eigentlich?

Es kommt mir so vor, als dürfte ich mir diese Fragen nicht stellen. Später vielleicht… Aber es scheint mir, als wäre es noch zu früh, mir diese Fragen zu stellen. – Wann soll ich mir denn dann diese Fragen stellen?

Bin ich tatsächlich an dem Punkt angelangt, wo ich mir diese Fragen stellen darf, muß, sollte? Was spricht dagegen? Warum soll ich sie mir nicht stellen?

Ist es besser, Magenschmerzen zu haben und möglicherweise bald an Magenkrebs zu sterben? (Was bist du denn eingebildet und arrogant? Was stellst du dir denn solche Fragen?!) Falls nicht: Ist es mir wert, das gut zu finden? Muß ich dieses Schicksal erdulden und erleiden?

 

2. Erwägung I

[3:34] 1:31

Alles verbiete ich mir selber. Es gibt irgendwas, das mich abhält davon. Das ist doch schlimm so was, und ich hab das alles immer so für normal gehalten! Nein, es ist ja nicht so, daß ich es für normal gehalten habe, sondern daß ich es nie in Zweifel gezogen habe und nie, nie hinterfragt habe: daß mir schon das verboten war: daß ich das nur hinterfrage: warum, erstens, ich mir diesen Streß mache, zweitens ob ich… – ich darf das doch alles nicht mal denken! Ich darf nicht drüber reden! Ich bin froh, wenn ich es mir erst mal erlaube, darüber zu reden. Ich muß… – du hast keine Ahnung von meinem Zustand! Ich muß das ja mal so sagen: Es ist ganz schwer vorstellbar. Es gibt ja auch diese kleine Stimme, die das selber so sagt, daß das eigentlich völlig absurd ist. Aber es ist die Realität, es ist so! Es wäre völliger… Es ist… ha! Ich kann gar nicht daran vorbeigehen! Das muß ich akzeptieren und ich will es auch akzeptieren. Ich muß mir das erst mal erlauben, überhaupt in Erwägung zu ziehen, daß ich möglicherweise nicht einverstanden bin!

 

3. Bekräftigung I

[5:05] 0:52

Aber ich muß es mich doch so fragen! Ich weiß doch, daß es… daß ich an der Stelle bin! Ich weiß es doch! Ich weiß es doch! Ich weiß es doch!! Ich seh’ mich doch jeden Tag so „leben“ – ich seh’ es doch, ich weiß es doch! Und ich muß es mich fragen: Willst du so leben?!

Es ist doch logisch, es ist doch eindeutig bewiesen, daß ich mir die Frage so stellen muß! Ich muß jetzt ‘ne Weiche stellen!

 

4. Annäherung I

[5:57] 0:33

Also, ich stell’ sie mir bisher noch gar nicht – (Will ich überhaupt leben?…) – das muß man sich mal vorstellen! – (… Oder will ich nicht leben?) – Ich hab’ sie mir bis jetzt gar nicht gestellt. Ich muß mich ja zwingen dazu, mir überhaupt diese Fragen zu stellen! Das ist ja noch schlimmer, verstehst du? Das ist… das ist ja schon traurig genug, aber ich darf mir nicht mal die Frage stellen! Ich muß mich zwingen! Ich muß mir, ich muß mich dann… Weil: wenn ich das nicht machen würde, dann würde alles wirklich… Das ist… – dann wäre mein Schicksal besiegelt.

 

5. Verzweiflung I

[6:26] 1:08

Daß ich mir überhaupt so ‘ne Frage stellen muß! Ja, aber es ist leider so. Und jetzt zwinge ich mich, und jetzt stelle ich mir solche ganz einfachen Fragen… – (Weinen) – … Ah… Es ist schon schlimm genug, daß ich mir die Frage noch nicht mal stellen darf! Das macht die Sache ja noch schlimmer. (Will ich überhaupt wirklich leben? Oder will ich einfach so dieses Pseudoleben erdulden und erleiden?)

 

6. Annäherung II

[7:38] 0:31

Ich weiß, daß ich diese Wahl habe – das weiß ich! Ich muß ich bloß dieser Wahl stellen, ich muß mich entscheiden! Ich kann so weitermachen, ja! (und damit auf alles verzichten) – (Weinen) – … – (Ich muß auf alles verzichten…) … (… alles, was mich eigentlich ausmacht)

 

7. Erwägung II

[8:09] 0:38

Ja, warum eigentlich? (Muß ich mich opfern?) Warum muß ich das alles hinnehmen? (Für wen?)

 

8. Bekräftigung II

[8:47] 0:46

Ich erlebe alles! Ich erlebe die Langeweile, ich erlebe die Öde – ich erleb’ doch alles! Und jedes Mal, wenn ich so weit bin, dann kommt diese Hektik und diese Nervosität und all der Dreck! Weil ich nur mir was erstehlen darf!

Verdammte Scheiße! Scheiße is’ es! Das müßte doch ganz normal sein! Das müßte mir doch einfach nur Spaß machen! So ein Blödsinn! Das ist doch Scheiße ist das doch! Und das mußt du dir mal vorstellen: Du bist auf dem Weg, lebendig sterben, und nichts… – objektiv ist nichts da drum herum, was das rechtfertigen würde! Es ist nichts da, es ist alles schön! Es ist alles ruhig, entspannt drum herum – und trotzdem gehst du den Weg in den Tod hinein.

 

9. Annäherung III

[9:33] 1:28

Da muß ich diese andere Stimme in mir hören, die scheinbar noch irgendwo ‘nen Rest Vernunft hat und die mir sagt: Nee, das Leben ist nicht dazu da, Streß zu haben, das Leben ist dazu da, etwas Schönes zu erleben. – Und das ist dein Ziel, das solltest du ansteuern, dafür solltest du dir Zeit nehmen! Und das solltest du erreichen, und nicht das andere!

(Was bist du denn eingebildet und arrogant?!) Und ich fühl’ mich so unsicher… (Wieso stellst du dir solche Fragen?!) … Ich fühl’ mich so unsicher damit! Genau!: Das ist es eigentlich!: Daß ich zwar irgendwo weiß, worum es geht, aber letzten Endes bin ich mir doch noch nicht sicher, daß es so ist. (Ich darf mir diese ganz normalen Fragen nicht stellen!) Ich bin mir nicht sicher, obwohl das wiederum genau so idiotisch ist, weil: ich fühl doch den Druck im Magen, den fühl’ ich doch zum Beispiel – ich fühl’ das doch alles eigentlich! Also müßt’ ich mir doch auch sicher sein, daß ich das zum Beispiel loswerden will. (Die Stimme ist immer da!…) Aber nee, dann kommt ‘ne Stimme, die sagt: Nee… (…, die sagt mir: Nein!) … du weißt doch gar nicht, worum’s dir eigentlich geht, du bist doch… Verstehst du? Oder… (Du darfst dir das nicht so stellen!!) … Gestern war ich auch so unsicher an der einen Stelle, da hab’ ich mich auch so unsicher gefühlt…, wo ich dann so gesagt habe, daß ich…

 

10. Verzweiflung II

[11:01] 1:36

Das war der Moment, wo ich gesagt habe… Ich fühl’ es schon wieder kommen jetzt, da werd’ ich gleich ganz traurig… Ich weiß noch gar nicht, was es ist, aber ich werd’ gleich wieder traurig… Oh, ich fühl’ mich dann immer so unsicher…Aber es kann doch nicht sein! Mein Gefühl ist doch aber echt! Vielleicht ist ja was ich sage falsch, aber mein Gefühl ist doch aber echt! Ich muß mir das bißchen zusammenstehlen… – (Weinen) – Es ist eigentlich schon traurig genug, oder? Das ist doch schon traurig genug, daß ich mir alles stehlen muß… – Das ist so schlimm, daß… daß es mich offenbar nicht gibt, oder so, oder daß, falls es mich gibt, ich überhaupt nicht will, daß es mir gut geht… Das ist schrecklich, wenn du nicht weißt, in wessen Namen du irgendwas machst oder machen sollst oder machen willst oder machen mußt… Ah…

 

11. Besinnung

[12:35] 3:19

Aber ist das nicht schrecklich, sag’ mal?: Daß ich mich zwingen muß, auf mich selber zu hören? ‘s is doch schlimm! Ich darf das noch nicht mal schrecklich finden! Ich darf das selber gar nicht schrecklich finden! Ich muß das alles ganz normal… – Ja, ich muß das immer für normal empfinden! Ich kenn’ das nicht anders, ich hab’ immer so gelebt und lebe heut’ noch so und… – ah… Ich kann schon dankbar sein und froh sein, daß ich das überhaupt aufgeschrieben habe, daß ich das überhaupt formulieren kann. In dieser ganzen Hektik, die ich mir immer selber bereite, da komm’ ich doch nie zu mir selber oder so… Ah… Und wenn ich dann das mir so sage – in dem Moment komme erst mal ich überhaupt ins Spiel. – Und das macht mich dann wieder ganz traurig, weil ich dann plötzlich da bin. Und irgendwas… Und ich bin aber ganz traurig! Aber erst mal bin ich überhaupt da.

Ich brauche Zeit und Ruhe und… Ich muß mir einfach die Zeit nehmen und mir das sozusagen gönnen, über irgendwas in Ruhe nachzudenken. Ich darf mir das nicht immer einfach nur erstehlen! Ich muß mir Ruhe und Zeit nehmen! Selber! Peter! Nein, du nimmst dir jetzt Zeit! Und Ruhe! Und niemand zwingt dich, niemand darf dich zwingen! Du nimmst dir jetzt deine Zeit und deine Ruhe.

Ich muß mir nur wieder die Ruhe nehmen und die Zeit nehmen! Ich muß… Ah…

(Stunde der Wahrheit am 6.1.11)

 

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